Trubel mit Ted

von Émilie Gleason

Èmilie Gleason regt sich auf. Ihr Bruder hat das Asperger-Syndrom und seine Umwelt kommt nicht damit klar. Ständig wird am ihm herumgedoktert, anstatt Ted – so heißt er – einfach in Ruhe zu lassen und seine Bedürfnisse nach geregelten Abläufen zu akzeptieren.

Èmilie Gleason regt sich auf. Über ihren Bruder Ted. Er ist kompliziert, er ist anstrengend, er zieht sehr viel Aufmerksamkeit in der Familie auf sich. Als sie ihm ihren neuen Freund Aelig vorstellt reagiert ihr Bruder mit den Worten: „Aber warum denn ein neuer Freund? Du hattest doch schon einen. Und Aelig ist überhaupt kein Name.“

Beim jüngeren Bruder der französische Autorin Èmilie Gleason wurde, relativ spät, Autismus diagnostiziert. Der Bruder heißt nicht Ted, aber er hat die Figur in ihrer furiosen Graphic Novel inspiriert, eine „Art Ufo auf langen Beinen, das gerne Ente á L`orange isst und Trampoline liebt…. Ich hatte es einfach satt, meinen Bruder als Grinch zu sehen.“ Also schrieb und zeichnete sie die Geschichte von Ted und seiner Familie.

Gleasons Zeichenstil ist womöglich zunächst gewöhnungsbedürftig, macht aber genau das Fremde der Figur fast körperlich spürbar. Seine ausgreifenden Beine und Arme, seine merkwürdigen Proportionen passen nicht in die Ordnungen des Alltags – dabei ist Ted nichts wichtiger als diese alltägliche Ordnung. Alles, was von der Routine abweicht, ist ihm eine Zumutung: Besetzte Stammplätze im Restaurant, das falsche Hemd am falschen Tag und immer wieder Toiletten, die anders funktionieren als er es kennt. Zur Katastrophe kommt es, als die U-Bahn Linie, mit der er zur Arbeit fährt, wegen Umbau gesperrt wird. Das löst eine Kette neuer Ereignisse aus, die Teds Leben erschüttern. Seine ersten Erfahrungen mit Sex, seine erste Verliebtheit machen die Sache keineswegs einfacher.

Die Zeichnungen von Èmilie Gleason kann man kaum naturalistisch nennen, die Seitengestaltung ist gedrängt, überbordend, als könne man diese Geschichte gar nicht in den üblichen Panels (Bildrahmen) erzählen. Auch die Farbgebung ist wild und überraschend. Aber dieser Stil entwickelt schnell einen eigenen Sog, eine enorme Plausibilität, eine Schönheit und durchaus auch einen eigenen Humor. Vor allem vermeidet Gleason mit ihrer Darstellung jede Romantisierung der Asperger-Krankheit. Nicht alle im Spektrum sind „Rain Man“ oder lustige, dysfunktionale Inselbegabungen wie Sheldon Cooper aus der erfolgreichen TV-Serie „Big Bang Theory“.

In Angouleme, beim wichtigsten europäischen Comicfestival, wurde „Trubel mit Ted“ letztes Jahr mit dem Preis für das beste Debüt ausgezeichnet.

Erschienen bei Edition Moderne

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